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Voll normaler Wahnsinn: Mama du nervst! Papa chill mal!

„Also, ich zanke mich schon mal mit meiner Mum. Aber ich glaub jetzt nicht, dass das an der Krankheit liegt, eher wegen dem Alltag. Da gehts ums Ausgehen, Schule und so“, meint Suzi. Manchmal stressen Eltern einfach. Ob es ums Aufräumen geht, die Freunde oder sonst was. Das ist auch bei Eltern mit Parkinson-Erkrankung nicht anders. Dann kracht es auch so richtig. „Manchmal denke ich mir im Nachhinein:

Vielleicht hätte ich nicht so krass zu meiner Mutter sein sollen, wegen der Krankheit und so.“ Mit diesen Zweifeln steht die sechzehnjährige Suzi nicht alleine da und auch nicht mit der Frage: „Wann nerven da nun die Eltern und wann schaltet sich Parkinson ein?“

Wir haben Katrin Andresen gefragt. Sie ist Kinder- und Jugendpsychologin und hat Antworten.

  • 1. Worin liegt beim Streiten der Unterschied, wenn Eltern krank oder gesund sind?

    Sicher weißt du selbst am besten, wie es ist, in einer Familie zu sein, wo einer krank ist.

    Es kommt oft vor, dass in Familien wie deiner so ein gewisser Grundstress herrscht. Vielleicht machen sich deine Eltern auch Sorgen … Das sind ganz bestimmt Stimmungen, aus denen leichter Streitpunkte entstehen können.

    Der Unterschied liegt aber eher nicht im Streiten selbst. Vielmehr entsteht der Streit dann aufgrund der Belastung durch die Krankheit.

  • 2. Liegt der Unterschied in der Art und Weise des Streitens?

    Nein, das kann man so nicht sagen. Die Ursachen für Besonderheiten im Streit, die sich durch Parkinson ergeben, entstehen eher durch die Umstände, die die Erkrankung mit sich bringt. Du musst vielleicht mehr mithelfen und Aufgaben übernehmen, die deine Eltern nicht so gut hinkriegen, wie z. B. den Tisch decken. Bestimmt ist manchmal deine Geduld ganz schön gefordert.

    Parkinson-Patienten benötigen für alles sehr viel mehr Zeit als andere. Auch können sie oft nicht so schnell antworten. Bei vielen sind auch die Gesichtsmuskeln betroffen, wodurch die Mimik stark eingeschränkt ist. Dann hat man Schwierigkeiten zu erkennen, was eigentlich gemeint war. Das Sprechen verändert sich, wird undeutlich und manchmal vernuschelt.

    Kurzum: gerade wenn es schnell gehen soll und mehrere Dinge gleichzeitig zu tun sind, kann es ganz schön schwierig werden. Auch haben deine Eltern durch die Behandlungen eventuell weniger Zeit oder sie machen sich Sorgen. Durch Parkinson können so verschiedene Gefühle wie Angst, Wut, Enttäuschung, Überforderung, Stress in der Familie entstehen. Das ist aber normal. Wichtig ist, dass du dir Hilfe holst, wenn du das Gefühl hast, ihr streitet wegen der Erkrankung. Aber pass auf, dass du nicht zuviel Verantwortung übernimmst.

  • 3. Darf man mit kranken Eltern eigentlich streiten?

    Es kommt oft vor, dass Jugendliche ihre Bedürfnisse zurückstellen, weil sie meinen, das könne man den Eltern nicht auch noch zumuten … Hier kommt es auf das richtige Maß an. Teilweise ist es sicher angebracht zurückzustecken. Andererseits ist es auch richtig, dass du machst, was für dich ganz besonders wichtig ist, und dass du dir das auch erlaubst.

    Wenn deine Eltern damit Probleme haben, müsst ihr das in der Familie besprechen. Sollte das nicht gut gehen, hol dir Hilfe. Sprich mit deinen Freunden oder befreundeten Erwachsenen. Das können Freunde oder Geschwister deiner Eltern sein, aber auch Eltern deiner Freunde. Sprich mit ihnen darüber, wenn du dir Gedanken machst.

  • 4. Welcher Stress ist normal?

    Streit in der Pubertät ist auf jeden Fall normal, muss sogar sein. Es ist gut, darüber mit Freunden zu sprechen, um zu hören: Wie ist das bei denen? Wieviel streiten die und worüber?

    Bestimmte Themen findest du als Jugendliche/r überall: Zimmer aufräumen. Wie lange darf ich abends weg? Und so weiter. Wenn du trotzdem weiter unsicher bist, ob die Konflikte in eurer Familie ‘normal‘ sind, finde ich es am besten, das in der Familie zu besprechen. Frag deine Eltern, was sie dazu meinen. Sie können dann sagen, wie sie es einschätzen. Manche können das besser, andere schlechter. Aber Fragen kann und sollte man stellen. Es ist schwer von außen zu kommen und zu sagen: das ist normal wie man sich streitet und das nicht. Das kannst letztlich nur du beurteilen. In jedem Fall aber gelten einige Regeln: schwer beleidigen, beschimpfen oder gar schlagen … geht gar nicht.

  • 5. Muss ich als Kind kranker Eltern immer vorsichtig sein?

    Unterstützen, Helfen-Wollen, Rücksichtnahme ist erstmal etwas Positives und tut euch als Familie gut. Es ist auf jeden Fall gut, wenn du guckst, dass du deinen Teil dazu beiträgst, dass ihr das als Familie gemeinsam schafft. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass du weiterhin deine Sachen machst und dafür sorgst, dass es dir gut geht. Schau, dass du genügend Dinge machst, die dir guttun und die andere Jugendliche auch machen, z. B. mit Freunden auf eine Party gehen. Denn wenn es dir gut geht, hilft das letztlich auch deinen Eltern.Darüber hinaus ist es auch hier wieder gut zu reden. Frag deine Eltern: Was erwartet oder braucht ihr von mir? Am besten ist dann natürlich, wenn die betroffene Person gut sagen kann, wo sie mehr Hilfe oder Rücksichtnahme braucht und das klar benennt. Dann wissen alle, was Sache ist und können einen Umgang finden.

    Wichtig ist, dass du deinen eigenen Weg findest! Einerseits ist es dein Schicksal, Teil dieser Familie zu sein, in der die Erkrankung ist. Andererseits würdest du dich sicher auch nicht wohl fühlen, wenn du nur dein Ding machst. Kurz gesagt: Rücksichtnahme ist okay, aber pass auf, dass du mit der Rücksichtnahme nicht unglücklich bist. Und zuviel Rücksicht ist auch für den erkrankten Elternteil gar nicht gut. Parkinson-Patienten können oft mehr, als es scheint, und sie möchten gefordert und gefragt werden!

  • 6. Und wenn ich mal ausraste?

    Das ist okay! Es passiert einfach – in jeder Familie! Das sind Gefühle, die ausgedrückt werden. Da wird mal gebrüllt, oder Türen werden geschlagen. Das ist sogar eher was Positives. Sogar wenn deine Eltern mal brüllen. In dieser Form von Wut steckt ja auch eine gute Energie. Sie zeigt: Da stimmt was nicht. In der Situation kann man allerdings oft nicht gut miteinander reden.

    Es hilft dann, wenn man erstmal auseinander geht. Pause macht. Abstand hält. Vielleicht 30 Minuten, in denen man sich beruhigt und runterfährt. Richtig ist es, wenn du dann etwas machst, was dir guttut. Am besten ist Rausgehen, Fahrradfahren, sich bewegen.

    Dann kannst du überlegen: Wo war ich blöd? Gibt es was, wofür ich mich entschuldigen sollte?

    In der Wut sagt man manchmal Sachen, die verletztend sind. Aber man kann eben hinterher auch sagen: Es tut mir leid! Super, wenn du das hinkriegen kannst. Gleichzeitig solltest du aber gucken, was der Auslöser war und auch darüber ins Gespräch kommen. Man kann Verständnis haben, muss aber nicht immer alles aushalten.

  • 7. Wie kann ich in einer Stress-Situation rauskriegen, ob das jetzt meine Eltern und ihre Art sind, die nerven oder ob das Auswirkungen der Krankheit sind?

    In der Situation ist das eher schwierig. Bleib im Gespräch mit deinen Eltern, bleib da am Ball.

    Deine Eltern können am besten entscheiden, ob das was mit der Erkrankung zu tun hat. Du musst das nicht allein mit dir ausmachen. Wichtig ist es, zu reden in der Familie, damit Offenheit entsteht. Die kann auch über die Jugendlichen entstehen, die Fragen stellen. Insgesamt ist das auf jeden Fall eine schwierige Situation. Und manchmal sind Situationen auch so, dass man Hilfe von außen braucht oder zumindest jemanden zum Reden.

    Viele Parkinson-Patienten neigen dazu, sich innerlich zurückzuziehen. Dann kann man schwer herausfinden, was sie eigentlich wollen. Du gibst dir dann vielleicht besonders viel Mühe, nimmst extra viel Rücksicht, tust mehr für den Erkrankten, als eigentlich notwendig ist. Dadurch wiederum fühlt sich der Erkrankte zurückgesetzt oder bevormundet und wird plötzlich böse. Das verletzt nun wieder dich. Womöglich wirst du wütend oder ziehst dich auch zurück. Und so weiter … Man weiß dann irgendwann gar nicht mehr, was man eigentlich tun soll. Du siehst also, manchmal braucht man Hilfe von außen.

  • 8. Verändert Parkinson den Charakter einer Person?

    Nein, der Charakter verändert sich nicht, aber es kann natürlich zu Veränderungen im Gefühlsleben kommen. Parkinson-Erkrankte sind meist langsamer und auch die Fähigkeit mehrere Sachen gleichzeitig zu machen nimmt ab. Man kann dann z. B. nicht mehr die Treppe runtergehen und gleichzeitig sprechen.

    Das kann dazu führen, dass man den Erkrankten zu schnell etwas abnehmen will oder ungeduldig wird. Dadurch fühlen sich die Erkrankten dann oft unter Druck und reagieren aggressiv oder auch depressiv.

    Bei etwa einem Drittel wirkt sich die Krankheit auch direkt auf die Stimmung aus, die Erkrankten werden dann scheinbar ohne äußeren Anlass ängstlich oder depressiv.

  • 9. Die Kinder können aber ja auch nichts dafür. Wie kann man sich also gegen die Krankheit schützen?

    Schützen kannst du dich, indem du gut auf dich aufpasst und auch an dich denkst und ganz normale Sachen machst wie deine Freunde auch. Wichtig ist, dass du deine Sorgen mit deinen Eltern oder anderen Angehörigen besprichst oder auch sagst, wenn du dich überfordert fühlst.

    Der Umgang mit der Erkrankung ist für alle eine Herausforderung und wird am besten gemeinsam bewältigt. Versuche also ein Mittelmaß zu halten. Schau: Wo muss ich zurückstecken und wo kann ich auch mal etwas fordern!

  • 10. Welche Worte/Formulierungen helfen dann vielleicht?

    Das kann man nicht verallgemeinern. Jede Familie für sich ist besonders. Da möchte ich dich auch schützen vor zu hohen Erwartungen an dich selbst. Was man sagen oder tun möchte und was man tatsächlich kann, ist oft zweierlei.

    Ich möchte dich aber auf jeden Fall ermutigen, in der Familie für euch gute Lösungen zu finden, die für dich passen und der Situation deiner Eltern gerecht werden. Sei du selbst! Sprich deine eigene Sprache!

  • Zusatzfrage: Wo bekomme ich Hilfe, wenn wir in der Familie nicht gut reden können?

    Wenn du niemanden hast, mit dem du gut sprechen kannst und dich allein mit deinen Gedanken und Problemen fühlst, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen: 

    • Vertrauenslehrer an der Schule, Sozialarbeiter an der Schule
    • Mitgehen zum Gespräch mit dem Berater oder behandelnden Arzt und selbst Fragen stellen
    • Telefonberatung, Kinderschutzzentrum
    • im Netz unter: www.bke.de große Organisation, (Bundeskonferenz für Erziehungsfragen), Online-Beratung speziell für Jugendliche (anonym)
    • Angehörigengruppen Infos über die Deutsche Parkinson-Vereinigung (dPV)

    Diese Organisation hat sowohl einen medizinischen als auch einen psychologischen Beirat.

    Beide Beiräte halten regelmäßig Telefonsprechstunden ab. Außerdem gibt es in jeder größeren Gemeinde/Kreisstadt eine dPV-Regionalgruppe, an die kannst du dich auch wenden.